Aufgewachsen in Minnesota und Texas, begann Jeremy Tai Abbett seinen kreativen Weg mit einem Studium in Kommunikationsdesign. 1994 machte er ein Auslandssemester in Deutschland und fand hier seine neue Heimat. 2001/2002 studierte er zusätzlich im Interaction Design Institute Ivrea, Italien. Heute ist er „Creative Evangelist“ bei Google. Was genau ein „Creative Evangelist“ ist und wie er an so eine tolle Position gekommen ist, haben wir im Gespräch mit ihm herausgefunden.

Bist du berühmt?

Justin Bieber ist berühmt (lacht). Berühmtheit im Internet funktioniert anders, weil ich nur in gewissen Kreisen für meine Arbeiten bekannt bin. Dafür werde ich allerdings nicht von Paparazzi verfolgt.

Dein Gesamtes Leben lässt sich googeln: macht dir das Angst?

Es gibt immer positive und negative Seiten an neuen Technologien und neuen Plattformen. Das ist vergleichbar mit dem Beginn des Automobilzeitalters. Die Leute dachten sich, warum Autos nutzen, wenn man doch Pferde hat? Aber wer reitet heute noch zur Arbeit?

Was sind die positiven Seiten an neuen Technologien, was die schlechten?

Das Internet und dessen verschiedene Plattformen ermöglichen dem Menschen zu erschaffen, was er erschaffen will – er kann sich selbst erschaffen. Wenn man Dinge hochgeladen hat, weiß man auch, dass sie gefunden werden können. Die schlechte Seite ist, dass man nicht weiß, wer oder was auf der anderen Seite sitzt. Genau das muss man verinnerlichen – wenn etwas digital ist, dann ist es für immer.

Wie bist du eigentlich zu Google gekommen?

Ich war freiberuflich tätig und Google beauftragte mich, an zwei „Physical Computing“-Projekten zu arbeiten. Nach Projektabschluss wurde ich zum Mittagessen eingeladen – und sie haben mir einen Job angeboten.

Du bist Googles „Creative Evangelist“. Was ist das?

Alles bei Google hat mit Technologie zu tun. Wenn man an Technologie denkt, verknüpft man diesen Begriff nicht mit Kreativität. Normalerweise, zumindest in der Industrie, werden diese beiden Dinge strikt getrennt. Aber Entwickler, Programmierer und Ingenieure sind äußerst kreativ. Ich versuche daher, die zwei Bereiche zusammenzuführen. Meine Ziele als „Creative Evangelist“ sind drei Dinge: inspirieren, Dinge erschaffen und Innovationen herbeizuführen.

Hast du eine tägliche Routine oder ist jeder Tag anders?

Eine wirklich feste Routine besteht nicht – und das macht meinen Job so interessant. Ich mache eine Menge Öffentlichkeitsarbeit: Das heißt ich halte Vorträge in aller Welt und gebe verschiedene Workshops. Innerhalb einer Woche war ich beispielsweise in Singapur, Deutschland und Spanien und habe dort eine Menge Leute kennengelernt und auf verschiedenen Veranstaltungen gesprochen.

Hast du viele Freiheiten bei deiner Arbeit?

Was mein Job so spannend macht ist, dass ich zum größten Teil selbst bestimmen kann, was ich mache. Ich arbeite hauptsächlich in einem Team und habe dabei eine Menge Freiheit. Dieser Aspekt könnte bei jedem Arbeitgeber zu finden sein, nicht nur bei Google. Ich wollte einen Job finden, der mir erlaubt, meine Interessen zu verfolgen. In klassischen Werbeagenturen arbeitet man nur am Tagesgeschäft – und das ist verdammt langweilig, um ehrlich zu sein.

Wer oder was inspiriert dich?

Ich habe viele Vorbilder! Hauptsächlich sind das meine Kinder. Überhaupt ist meine Familie eine große Inspirationsquelle. Ich denke, wenn man Kinder hat, zeigen sie dir eine andere Sicht auf die Welt. Selbst eure Generation sieht die Welt anders, als ich sie sehe. Das ist auch einer der Gründe, warum ich so gerne unterrichte.

Welche bekannten Persönlichkeiten sind Vorbilder für dich?

Mir fallen Buckminster Fuller oder auch Steve Jobs ein – beides sind sehr interessante Personen, die leider schon gestorben sind. Oder auch die Google-Gründer, weil sie etwas aus dem Nichts erschaffen haben. Es inspiriert mich, wenn Leute die Einstellung haben, dass die Meinung von anderen eher nebensächlich ist und ihre Ideen realisieren. Das sind die Personen, die etwas verändern.

Welche Mentalität braucht man, um Außergewöhnliche Ideen zu entwickeln?

Großartige oder verrückte Ideen basieren nicht auf einer bestimmten Kultur. Sie basieren auf der eigenen Einstellung. Die Frage, um eine innovationsoffene Kultur zu entwickeln, lautet daher: „Wie erhalten wir die Kreativität, mit der wir alle geboren sind, im Laufe unseres Lebens?“ Zudem bin ich sehr direkt. Wenn ich nicht an etwas glaube, dann sage ich es auch. Es geht nicht darum eventuell unhöflich zu sein oder so, eher um das Hinterfragen, warum etwas so ist, wie es ist.

Wie sieht für dich ein gutes Arbeitsumfeld aus?

Ein gutes Arbeitsumfeld ist für mich ein Ort, an dem man sich sicher genug fühlt, neue Dinge auszuprobieren und zu entwerfen. Man sollte auch scheinbar unkluge Ideen umsetzen. Die Uni ist die beste Umgebung, um neue Ideen zu realisieren und ins Berufsleben zu starten.

Wie stehen die Chances für Startup-Unternehmen?

Für Startup-Unternehmen, die Lösungen für Probleme finden, gibt es eine Chance. Es hängt davon ab, wie gut sie sich vermarkten, wie gut die Lösung ist und wie viele Leute sie nutzen. Zum Beispiel bei „Tinder“ dachte man nicht, dass die App so populär wird. Ein anderes Beispiel ist „Snapchat“: Der Gedanke, eine App zu kreieren, um Fotos an jemanden zu senden, die dann verschwinden, war ein wenig ambivalent. Die App wurde erfolgreich, weil es einen Trend gibt, der Digitales hinterfragt. Wenn alles für immer ist, dann ist die Idee von etwas Kurzlebigem einfach notwendig. Und das ist die Chance für Startup-Unternehmen: Dass sie etwas verrückter sind in ihrem Denken. Man muss wissen, worauf man sich einlässt und woran man interessiert ist. In diesem „Umbruch“ ist es heute einfach, eine Firma zu gründen.

Du bist sehr im „Maker Movement“ engagiert. Was ist das?

Das „Maker Movement“ ist eine Bewegung, in der Personen einfach Dinge ausprobieren und dann mit anderen teilen. Es ist der gemeinschaftliche Aspekt, der zählt. Da die Technologien immer zugänglicher werden, bekommen diese Movements mehr und mehr Popularität. Die Bauteile werden günstiger, kleiner und stärker – und das „Maker Movement“ nutzt einfach diese Technologien.

Warum bist du dabei?

Was ich toll beim „Maker Movement“ finde, ist, dass man selbst etwas produziert und sich immer mehr von der Konsum-Mentalität entfernt. Ebenso interessant ist, dass man mehr hinterfragt. Wenn etwas kaputt geht, überlegt man sich zuerst, ob man es selbst reparieren kann bevor man sich etwas Neues kauft oder entsorgt.

Kannst du etwas davon bei deiner Arbeit bei Google integrieren?

Bei Google habe ich „Arduino“-Workshops gemacht und zum Beispiel auch meinen 3D-Drucker stehen. Generell ist Google sehr „Open Source“. Sie teilen Technologie – und das ist dasselbe wie bei dem „Maker Movement“.

„Making things tangible“ lautet dein Leitspruch. Welche Produkte entstehen dadurch?

Wir müssen die Welt hinterfragen und ebenso versuchen, Lösungen und Antworten zu finden. Eines dieser Produkte ist zum Beispiel eine Lampe, die ich für meine Kinder entwickelt habe. Die Position der Lampe basiert auf meinem aktuellen Standort. Da ich viel reise, können meine Kinder sehen, wo ich mich gerade ungefähr auf der Welt befinde. Wenn sie sehr tief hängt, bin ich zu Hause und je weiter ich mich vom Haus entferne, desto höher hängt sie. Außerdem dreht sie sich in die Richtung, in der ich mich befinde – wie ein Kompass.

Ist ein Maker im übertragenen Sinne ein Produktdesigner?

Es gibt sehr viele Produkte, bei denen die Ästhetik eher zweitrangig ist. Die Erfahrungen, die man an einem Projekt sammelt, sind wichtiger als die endgültige Lösung. Es muss in erster Linie nicht elegant oder schön sein. Wichtig ist, dass man sich damit beschäftigt hat. Wenn man sich die Produkte anschaut, die von Makern entwickelt werden, sind diese teilweise wirklich hässlich. Da die Bewegung hauptsächlich aus Entwicklern besteht, wird bei technologisch ausgefeilten Geräten eher eine technisch gute, als eine schöne Lösung bevorzugt. Design ist dabei fähig, zu definieren, was du haben möchtest und was die breite Masse braucht.

Oft sprichst du in Vorträgen von „Design Thinking“. Was ist das?

Wenn man sich mal genau umschaut, dann ist alles um uns gestaltet. Beispielsweise auch, in welcher Abfolge die Elemente einer Fotokamera bedient werden müssen, um eine Einstellung vorzunehmen. Die Idee von „Design Thinking“ ist, dass Lösungen für bestehende Bedürfnisse gefunden werden sollen, die aus Anwendersicht überzeugend sind. Es gibt jede Menge Arbeit und die Zukunft sieht sehr gut aus.

Mit welchen Themen werden sich Designer in Zukunft beschäftigen?

Die Werkzeuge für Designer haben sich massiv weiterentwickelt. Mit ihnen lassen sich viel leichter Webseiten oder Apps erstellen. Daher hat man generell mehr Möglichkeiten. Es hilft zwar, ein wenig programmieren und mit Hardware umgehen zu können, aber die Zusammenarbeit zwischen Programmierern und Designern wird wichtiger werden. Man muss unbedingt ein Teamplayer sein und man sollte die Fähigkeit besitzen, seine Ideen zu kommunizieren – egal, was man entwickelt.

Was für Eigenschaften sollte ein Designer haben?

Die wichtigste Eigenschaft, die ein Designer haben muss, ist Neugierde. Man sollte immer den Dingen nachgehen und Fragen stellen. Man nennt das auch „First Principles“ oder einen „Kinder-Blick“ auf die Welt haben. Also immer die Dinge hinterfragen. Zudem sollte man Verständnis für andere Menschen haben! Für wen gestalten wir? Wir Designer sind die Übersetzer zwischen unserem Klienten und dem Nutzer. Und man sollte Dinge anpacken! Viele verschiedene Dinge tun, Prototypen bauen, einfach machen und ausprobieren. Und schließlich eben genau das kommunizieren. Ich lerne immer noch Neues dazu. Besonders wichtig ist, dass ihr jetzt experimentiert. Macht die Dinge jetzt – einfach ausprobieren und veröffentlichen. Wenn ein Professor sagt: „Dein Poster ist schlecht“, ist das seine Meinung. Aber wenn du es irgendwo veröffentlichst, finden es vielleicht zehn andere Leute großartig. Wartet nicht mit dem Teilen eures Portfolios und schickt es jetzt raus! Es muss kein fertiges Endprodukt zu sehen sein. Ich bin immer am Prozess interessiert. Genau das könnt ihr jetzt machen. Die Möglichkeiten zur Distribution sind heutzutage so einfach wie nie.

Wie wird die Zukunft aussehen?

Kinder haben keinerlei Probleme mit neuen Technologien und werden uns weiter bringen als wir es selbst je könnten.

Was würdest du uns Studenten abschließend auf dem Weg mitgeben?

Oh, deep words … Wenn ihr euer Leben heute plant, habt ihr mehr Freiheiten, als wenn ihr 40 Jahre alt seid und eine Familie habt. Ihr solltet jetzt einfach losgehen und die Welt erkunden, verschiedene Dinge ausprobieren: mal andere Musik hören, neue Leute treffen – keine Angst haben, denn jeder startet irgendwo. Am Ende hast du all diese verschiedenen Erfahrungen gemacht und musst sie nur noch an einem gewissen Punkt zusammenfügen. Habt keine Versagensängste! Es geht bei Fehlern darum, aus ihnen zu lernen. Die Welt ändert sich immer schneller und man muss als Designer im Stande sein, sich schnell anpassen zu können. Man soll sich seine eigene Perspektive bilden und wissen, was einen interessiert.